Lebendige Innere Hernalser Haupstrasse

 

Hom die Herrn ois, oda kriang se no wos?

 

Von St. Stephan nach Hernals

Elterleinplatz mit offenem Alsbach, rechts Hernalser Hauptstraße, 1870

Wie die meisten Adeligen ihrer Zeit gehörte das Geschlecht der Geyer, die Herren von Hernals, der Lehre Luthers an. Viele WienerInnen strebten im 16. Jahrhundert in den Vorort Hernals, um mehr von diesen Lehren zu hören. Kaiser Ferdinand der II begann gleich mit Beginn seiner Herrschaft, seinen Kampf gegen den Protestantismus, der sich auch gegen das Lehen Hernals richtete. Nach der gewaltsamen Rekatholisierung des widerspenstigen Vorortes wurde ein Passionsweg von St. Stephan nach Hernals errichtet, dessen Endpunkt die Kalvarienbergkirche war. Der Kreuzweg wurde 1639 vom Kaiser persönlich zum erstenmal angeführt und erfreute sich bei den WienerInnen immer größerer Beliebtheit. Besonders der jährliche Fastenmarkt führte die BewohnerInnen der Inneren Bezirke in die Vorstadt:
„Denn wer nur immer eine Equipage gehabt hat, ist hinausgefahren, aber freilich nicht aus Andacht, sondern der Unterhaltung wegen, und da hat man mitten unter den Standlweibern, die dort Ziwebn und Kipfeln verkaufen, unsere eleganten Herren mit ihre Schönheit am Arm herumwandeln sehen; daher ward auch Hernals von einigen Spöttern die kleine „Fasten-Redoute“ genannt.“ aus Briefe eines Eipeldauers von Josef Richter.
(Birgit Trinker, Michael Strand: Wiener Bezirkshandbücher 17.Bezirk, Hernals)

Für die BewohnerInnen der Inneren Stadt entwickelte sich Hernals zum Vergnügungszentrum. Die Verbindung zwischen den beiden Orten stellt außerhalb des Linienwalls die Hauptstrasse (spätere Hernalser Hauptstrasse) dar, die entlang des Alserbachs verlief.

Hom die Herrn ois, oda kriang se no wos?: Haben die Herren alles bekommen, oder möchten Sie noch etwas? Wiener Schmäh in Anspielung auf die Bezirksnamen Hernals und Ottakring
Equipage: Ausstattung eines Gespanns (Kutsche) als Ganzes, Präsentation des Status des Besitzers Redoute: Kostümball
Linienwall: Verteidigungsring um Wien, erbaut 1704
Linie: Tore am Linienwall, an denen Steuern eingehoben wurden

Mit dem Zeiserlwagen in die Sommerfrische

Mit Ende des 18. Jahrhunderts vollzog sich bei den WienerInnen die Trennung von Arbeit und Freizeit. Nun wollte man sein Vergnügen genießen und zeigen. Die Ausflüge in die Vororte vor dem Linienwall gehörten zum Sonntagsprogramm. Mit dem Zeiserlwagen, einem Leiterwagen auf dem gleich mehrere Personen Platz fanden, fuhr man von der Linie (Mautstelle am Linienwall) über die Dörfer. Um 1800 gehörten Hernals und Dornbach zu den beliebtesten Sommerfrischen. Die „Saison“ dauerte von Mai bis September und wohlhabende Familien siedelten mit ihrem ganzen Personal aufs „Land“. Entlang der späteren Hernalser Hauptstraße entstanden Kaffeehäuser, Gaststätten, Casinos und Tanzsäle, um die noble Gesellschaft unterhalten zu können.

Mit Einführung der Eisenbahn rückten für die wohlhabenden Familien Erholungsorte wie das ferne Salzkammergut näher und bald waren die Sommerfrischen dort en vogue. In den Vororten wurden an den Linien Verzehrungssteuern eingeführt, wodurch das Leben vor dem Linienwall erheblich billiger wurde. So zogen viele ärmere Leute in die Vororte. Sie wohnten in Hernals und arbeiteten in Wien. Die Tradition der Gasthäuser, Tanzlokale und „Vergnügungsstätten“ blieb allerdings ein Charakteristikum für Hernals. Zwischen dem späteren Elterleinplatz und dem Linienwall gab es Wiener Traditionslokale wie den Stalehner, den Gschwandner, den Mandl, das Etablissement Klein - heute Metropol und Ungers Casino – das alleine bis zu 3000 Personen in seinem Garten beherbergen konnte. Hier spielte Johann Strauß Vater, hier sangen der Fiakersänger „Hungerl“, Louise Montag – das Lercherl von Hernals, ihre Schwester Antonie Mansfeld; hier lebten die berühmten Gebrüder Schrammel, die die Wiener Volksmusik Ende des 19. Jahrhunderts zu ihrem Höhepunkt führten. Es wurde gespielt, gesungen, gedudelt, gepfiffen und gepascht. „Als Schrammel auf einem der beliebten Fiakerbälle aufspielte, soll es im „Gemüthlichen“ um 7 Uhr in der Früh noch so voll gewesen sein, dass man den Eindruck hatte, der Ball wolle eben erst beginnen: „Die Schrammeln durften nicht aufhören und die Sänger schwiegen nur deshalb, weil sie keinen Ton mehr in der Kehle hatten. Erst als die letzte Saite auf der Fiedel gerissen war und der Strohmayr sich die Finger wund gegriffen hatte, war der Ball zu Ende.“
(Birgit Trinker, Michael Strand: Wiener Bezirkshandbücher 17.Bezirk, Hernals)

Hernals gehört zu Wien

Gastgarten Grünbeck, 1915

Nach Erlass des Gesetzes zum Schlachthauszwang 1873 begann man unter Bürgermeister Elterlein die Als einzuwölben. Abgeschlossen wurde das Vorhaben erst 1899. Über der abgedeckten Als führt heute die Jörgerstraße in die Stadt, auch der Straßenverlauf der Hernalser Hauptstraße folgt den Verwindungen des Alsbaches.
Gemeinsam mit den Vororten Dornbach und Neuwaldegg wurde Hernals 1892 als 17. Wiener Gemeindebezirk eingemeindet. Nach der Eingemeindung der Vororte wurde der Linienwall geschliffen, und die Gürtelstraße angelegt. Mit der neuen Straße wurden alte Grenzen begradigt und so verlor der 17. Bezirk sein „Anfangsstück“ an den 8. und 9. Bezirk. Die Hernalser Hauptstraße beginnt seither mit der Nummer 5.

Und was uns bleibt

Hernalser Hauptstraße 28 – 30, ca. 1960

Von all den genannten Vergnügungsstätten sind zwischen Elterleinplatz und Gürtel der jährliche Fastenmarkt in der Kalvarienberggasse, das ehemalige Etablissement Klein, heute Metropol, der Eislaufplatz Engelmann, das neueröffnete Restaurant Retsina in dem seinerzeitigen Grünbeck, das Lokal Lercherl von Hernals erhalten geblieben. Die Gastronomie und Vergnügungsstätten dominierten nach dem Wiederaufbau bis in die 60iger Jahre des letzten Jahrhunderts die wirtschaftlichen Situation von Hernals. Noch 1952 zog „der gschupfte Ferdl“ mit seiner „Mitzi Wasdabdschik, dem beliebten Pinabgörl von Hernois“ um die Ecke und die Rolle der Etablissements wurde vom Aufstieg der Kinoära übernommen. Alleine zwischen Gürtel und Elterleinplatz standen der Bevölkerung drei verschiedene Kinos zur Auswahl: das Volkskino HVK, das Royalkino und das Titania Kino.

Es scheint, dass es recht still geworden ist, in der Hernalser Hauptstrasse, – das täuscht. Die Bautätigkeit in den Bezirken außerhalb des Gürtels ist im Ansteigen, neue BewohnerInnen ziehen zu und bringen neue Impulse. Also „ziagt der gschupte Ferdl“ doch wieder seine „g´streiften Sockn an“ und macht sich mit seiner Mitzi auf den Weg in die Vorstadt.

 

Literatur
Rudolf Spitzer, Hernals, zwischen Gürtel und Hameau, Mohl Verlag, 1991
Birgit Trinker, Michael Strand, Wiener Bezirkshandbücher 17.Bezirk, Hernals, Pichler Verlag GmbH 2001
Helfried Seemann, Christian Lunzer, Hernals Album 1860–1930, Verlag für Photographie, 1993

Der Text entstand in Kooperation mit Trude und Siegfried Neuhold, Bezirksmuseum Hernals.


Bilder
Alle Bilder stammen aus dem Archiv des Bezirksmuseums Hernals, wir danken für die Unterstützung.